An der Vogelfluglinie


Zentrum der Wagrier: Oldenburg

Reisende auf der Vogelfluglinie passieren eine gepflegte und beschauliche Kleinstadt, deren Geschichte bis ins 7. Jh. zurückreicht: Damals entstand auf einem Moränenhügel mit der mächtigen Ringwallanlage Starigard – zu Deutsch: Alte Burg, oder eben Oldenburg – der zentrale Fürstensitz der Wagrier, die dem Stammesverband der slawischen Abodriten angehörten. Neben Haithabu bilden die Oldenburger Wälle das bedeutendste archäologische Bodendenkmal Schleswig-Holsteins; heute noch überragen sie mit einer Höhe von bis zu 18 m Oldenburgs Häuser. Doch im Gegensatz zum Handelszentrum der Wikinger, das aufgegeben wurde und dessen Rolle später das benachbarte Schleswig übernahm, setzte sich hier die Siedlungstradition bis in die Gegenwart fort. Deshalb ist Oldenburg die älteste Stadt Schleswig-Holsteins, genaugenommen sogar Vorgängerin Lübecks, der >Königin der Hanse< als Hafen-, Handels- und Bischofsstadt, oder war es jedenfalls solange, wie der Oldenburger Graben hiesigen Kaufleuten einen Zugang zur offenen Ostsee erlaubte. Denn in vorgeschichtlicher Zeit verband ein breiter Ostseesund die Hohwachter mit der Lübecker Bucht, noch während der slawischen Herrschaft konnten flache Schiffe hier bis nach Olden- burg-Starigard segeln. Geblieben ist davon eine wasserreiche Niederung.

Oldeburg
Oldenburg

Vom 9. bis ins 12. Jh. war Starigard politischer und kultischer Mittelpunkt Wagriens, Stammessitz der Abodriten. Der Sachsenherzog Hermann Billung eroberte ihn 966/67. Um den Landgewinn dauerhaft abzusichern, wurde im Jahr darauf ein Missions-Bistum gegründet, das der Diözese Bremen-Hamburg unterstand. Slawische Aufstände von 983 und 1166 unterbrachen Mission und Kolonisierung, deshalb wurde der Bischofssitz 1160 nach Lübeck verlegt.

Die fränkischen Annalen zum Jahr 789 belegen, dass Karl d. Gr. sich mit den Abodriten zu einem Feldzug gegen die slawischen Wil- zen verbündete, nur neun Jahre später halfen sie ihm dann, die nordelbischen Sachsen zu bekämpfen. Die nach Gründung des Bistums um 1150 errichtete Kirche stand im östlichen Teil der Burgwälle. Auf Resten der von Dänen bereits 1148/49 zerstörten slawischen Befestigungsanlage errichteten die Schauenburger ihrerseits eine landesherrliche Burg, die 1420 wieder von den Dänen erobert wurde und spätestens im 16. Jh. verfiel. Zum Zentrum des bäuerlich geprägten Umlandes stieg der Ort auf, weil Graf Adolf IV. von Schauenburg ihm etwa um 1235 lübisches Recht verliehen hatte.

Unbedingt sehenswert ist das Oldenburger Wall-Museum. Ol- denburg-Starigard wird lebendig als Fürstenresidenz und späterer Bischofssitz, in dem christlicher Kult der Sieger über heidnische Götterverehrung triumphierte. Ein großes Diorama zeigt die weitläufige slawische Fürstenburg um 800 und ihre Befestigung mit Graben, Wall und Palisadengang. Lebens- und Arbeitsbedingungen einer westslawischen Siedlung des frühen Mittelalters vor 1000 Jahren sind im lebensgroßen Modell mit verschiedenen Häusern um einen offenen Platz rekonstruiert, wie etwa das >Kontor< eines Fernhandelskaufmanns. Gebaut ist diese kleine Stadt ganz aus den damals verwendeten Materialien wie Holz und Weidenzweigen, ohne Eisennägel. Ein archäologisches Experiment ist die Starigard, gut 10 m lang und knapp 3 m breit, der erste originalgetreue Nachbau eines slawischen Handelsseglers aus dem 1. Jahrtausend. Schmuck, Zaumzeug und Waffen, so genanntes >Hacksilber< – zerkleinerte Schmuckstücke und Münzen als Zahlungsmittel -, Töpferarbeiten und Holzgeschirr fanden sich im Bereich der Wälle.

Südlich der Burgwälle wurde um 1156 St. Johannis begonnen, die erste große Backsteinkirche des Nordens. Erweiterungen und Erneuerungen, unter anderem nach dem Stadtbrand 1773, haben die Bausubstanz jedoch wesentlich verändert. Weitgehend ursprünglich ist noch das aufwändig gegliederte Westportal der späten Romanik (um 1230). Georg Greggenhofer gestaltete 1778/79 den oberen Teil des Turms mit Zeltdach und Laterne. Der hohe dreiteilige Spätbarock-Aufbau des Altars (1778) mit gemaltem Abendmahl unter einem Kruzifix zwischen Säulen sowie geschnitzten Allegorien von Glaube und Hoffnung wird überstrahlt von einer Jahwe-Sonne in der Attika. Schon ins elegantere Rokoko changiert der Stil der Kanzel, deren bauchiger Korb mit feinem Blattwerk, Pilastern und Rähmchen, deren Deckel mit Volutenkrone und Salvator verziert ist. Den Markt beherrscht das Rathaus, ein zweigeschossiger neugotischer Putzbau mit gekuppelten Rundbogenfenstem und hölzerner Laterne über dem Mittelrisalit (1860-64).

Aus Oldenburg in Holstein stammt wohl auch ein lange verkannter Maler des Barock. Wahrscheinlich ist, dass Johann Liss um 1597 in Oldenburg geboren wurde. Zwischen 1616 und 1620 verfeinerte er seine Malkünste in den Niederlanden und nannte sich dort Jan Lys. In den folgenden Jahren arbeitete er in Rom und Venedig. Erst zu Beginn des 20. Jh. entdeckte man seine Bedeutung als Barockmaler, der bereits Elemente des Rokoko vorwegnahm. Profane Szenen aus dem Bauernleben, mythologische Motive und religiöse Darstellungen waren bevorzugte Themen seiner Werke, die heute in Museen von Berlin, Bremen, Köln, München, Moskau, Rom, Florenz und Venedig hängen. Liss starb um 1630 in Venedig an der Pest.

Auf einer Landzunge des Oldenburger Grabens befindet sich seit dem Mittelalter ein Burgplatz, auf dem 1745 das jetzige Herrenhaus Gaarz in der Nähe von Göhl errichtet wurde: ein zweigeschossiger Backstein-Breitbau von elf Achsen mit angedeutetem, übergiebelten Mittelrisalit und Pilasterportal über einer doppelläufigen Freitreppe. In der Mitte des 13. Jh. baute man aus Ziegeln den einschiffigen Backsteinraum von St. Antonius in Neukirchen, dessen Langhaus gegen 1500 nach Süden verdoppelt wurde. Der Figurenzyklus der Ausmalung des 13. Jh. zählt – neben Lübeck und Schleswig – zu den bedeutendsten im Land, stilistisch deuten die flüssigen Linien auf Einflüsse der Kölner Malschule. Apostel, Bischöfe, unbekannte Sitzfiguren und Dämonen finden sich wie auch biblische Motive: Kreuzigung, Christus in der Vorhölle, Himmelfahrt und Weltenrichter. Mitte des 13. Jh. entstand das schlichte Kruzifix auf dem Altar, die spätgotische Kreuzgruppe (um 1510) wurde zur Barockzeit farbig gefasst. Spätromanisch ist die Granittaufe, abhanden kamen die Figuren der Spätrenaissance-Kanzel (1617), Vasen und gedrehte Säulen zieren die Gutsloge des Barock. – Gut Löhrstorf wurde im 14. Jh. erwähnt, das barocke Herrenhaus von 1720 mehrfach verändert. Älter als das spätklassizistische Herrenhaus des Gutes Seegalendorf von 1839, dessen Vorgängerbau bereits im 15. Jh. als >Nye Galendorp< Erwähnung fand, ist das elegante, wohl von Rudolf Matthias Dallin entworfene Torhaus (um 1730). Gesimse und Pilaster gliedern den zweistöckigen Torrisalit unter Schweifgiebel und Laterne. Zu einem originellen landwirtschaftlichem Gebäude führt in Bollbrügge die Straße >An der Rundscheunec Nahezu kreisrund erhebt sich das hohe Reetdach über der mächtigen Wand aus gestampftem Lehm (1831).