Fast ein Kontinent zwischen Belt und Sund: Fehmarn 2


Landstädtchen mit Herz: Burg

Uriges Kopfsteinpflaster, schattenspendende Bäume, alte Fachwerkhäuser und warme Backsteinfassaden – so präsentiert sich mit dem Markt die 1231 schon erwähnte Inselmetropole, eine der romantischsten Kleinstädte Norddeutschlands, die Anfang des 14. Jh. bereits lübisches Stadtrecht besaß und im 16. Jh. vorübergehend an Bedeutung verlor, als der Hafen versandete und nach Burgtiefe verlegt werden musste. Doch mit der >Reichsgründung< 1870 avancierte sie wieder zum Verwaltungszentrum.

Die Nikolaikirche

St. Nikolai-Kirche in Burg
St. Nikolai-Kirche in Burg

Mächtig erhebt sich der gotische Westturm von 1513 mit seinem barock geschweiften Helm unter der achtseitigen, offenen Laterne (1763) über einer gewölbten Backsteinhalle der Gotik, deren Anfänge des 13. Jh. noch romanisch waren. Aus der ersten Zeit der Kirche stammen die Lilien der Gewölbemalereien. Eine Kreuzigung und darüber Christus in der Mandorla zeigt der breite, gotische Schnitzaltar vom Ende des 14. Jh. in der Mittelachse, flankiert von Reliefs mit Passions- und Osterszenen. Aus einer lübischen Werkstatt kam der spätgotische Blasiusaltar nach Fehmarn, Schnitzfiguren des hl. Blasius, des Erzengels Michael und des Evangelisten Matthäus stehen zwischen Flügelgemälden, die u. a. die Geschichte des hl. Blasius illustrieren (um 1480). Spätgotisch-hagere Züge prägen die etwa 1500 geschnitzte Kreuzgruppe der Turmhalle, die weiteren Schnitzfiguren wie eine Mondsichelmadonna entstammen dem 14.-16. Jh. Um 1240 wurde die wuchtige gotländische Kalksteintaufe gemeißelt. Warum die ursprünglich im Jahr 1391 für das schwedische Väs- teras in Lübeck gegossene Bronzetaufe in Burg >strandete<, ist bis heute nicht geklärt; ihre Hochreliefs zeigen unter Maßwerkbögen die Madonna, Taufe Christi und Evangelisten, über einem Fuß auf drei ruhenden Löwen. Als barocke Empore ist die hölzerne Kanzel (1667) gestaltet, die Orgel schuf Berent Hueß 1662-64. Von der wohl größten Katastrophe, die je über Fehmarn hereinbrach, dem blutigen Überfall Erichs von Pommern 1420, berichtet die Inschrift auf der Sandsteintafel Fehmarnsches Memorial. Gut bewaffnet zeigt der Dreimaster zwei Batteriedecks, sicher verwahrt dürfte die Kollekte in der Eichentruhe mit massiven Eisenbeschlägen gewesen sein.

Gleich neben der Kirche informiert das Heimatmuseum Peter Wiepert in drei reizvollen Fachwerkgebäuden – der früheren Stadtschule, dem Organistenhaus und dem Pastorenwitwenhaus von 1581, das zugleich das älteste Fehmarns ist – umfassend über die Kultur der Insel, vom Archiv-Schrank von 1560 aus dem Rathaus bis zum Einwohnereid von Burg, der bis 1825 in Plattdeutsch zu leisten war. Bürgerlichen Wohlstand strahlt das Senator-Thomsen-Haus (Insel-Information, Breite Str. 28) aus, ein stattliches Fachwerk- Traufenhaus von 1783. Carl Voß errichtete das zweigeschossige Rathaus aus Backsteinen mit dekorativem Fachwerk. In den Jahren 1908 bis 1914 besuchte Ernst Ludwig Kirchner, expressionistischer Maler und Gründungsmitglied der Künstlergemeinschaft >Die Brücke<, mehrfach für längere Zeit Fehmarn. Daran erinnert die Ernst-Ludwig-Kirchner-Dokumentation in der Stadtbücherei (Bahnhofstraße 47) mit Originalen und Kopien seiner Bilder. Für Aussätzige und Pestkranke wurde das 1439 erstmals erwähnte Stift gegründet, die St. Jürgen-Kapelle als kleiner Saalbau der Gotik aus Backsteinen wohl 1507 gemauert, zu Beginn des 20. Jh. restaurierte man die Ausmalung der Erbauungszeit: Schmerzensmann, Apostel und Szenen der St. Georgs-Legende, Ranken, Blüten und Wandbehänge. Eindrucksvoll ist das schlichte frühgotische Sakramentshaus aus Holz in Fialenform (13. Jh.), die St. Jürgen-Gruppe folgt hand-werklich vereinfacht einer Darstellung des Henning von der Heide von 1504 und wurde zu Beginn des 16. Jh. geschnitzt.

Ersatz für den verlandeten Hafen fanden die Einwohner Burgs in ihrem Binnensee mit Burgstaaken, wo heute vor allem Fischkutter und Butterdampfer in See stechen und ein U-Boot als Museum »gestrandet« ist, oder im Meereszentrum, wo lebende Haie und andere Fische im »Tropischen Riffaquarium« zu bestaunen sind (in Burg: Gertrudenthaler Str. 12), und Burgtiefe, einem modernen Yachthafen mit interessantem Rundsteg hinter dem Südstrand auf der Nehrung. Nahe dem Meerwasser-Wellenbad in der Halle von Arne Ja- cobsen und O. Weitling, einer modernen Glas-Stahl-Konstruktion (1970), der Appartement- und Bungalow-Siedlung und drei in dieser Region überraschenden Hochhäusern hat man 1908 Fundamente und Mauerreste der Burgruine Glambek freigelegt. Im 13. Jh. wurde die Anlage als Sitz des dänischen Amtmanns errichtet, der von hier aus bis ins 16. Jh. die dänische Insel verwaltete und zugleich ein wachsames Auge auf den Schiffsverkehr in die lübische Dependance Burg werfen konnte. Tilly zerstörte die kleine Festung 1627 weitgehend während des Dreißigjährigen Krieges. Das Leuchtfeuer Staberhuk markiert die Ostspitze der Insel, in seiner Nähe lassen sich viele Motive Kirchners wieder entdecken. Liebevoll zusammengetragen und erläutert sind die Sammlungen des Museums Katharinenhof in einem Ensemble alter Fachwerkhäuser, wie der über 450 Jahre alten Rauchkate. Tendenziell widmet man sich hier mehr den ländlichen Aspekten des Insellebens als im Museum des Hauptstädtchens Burg. Von den einst zahlreichen Hünengräbern haben nur wenige die Jahrhunderte, vor allem aber Grabräuber oder eine Zweitverwertung der Steine für Straßenbau und ähnliches überdauert: Südlich von Katharinenhof liegen die Reste dreier Steinkammergräber.