Heide – Parlament unter freiem Himmel


Obwohl die Sieger über die Bauemrepublik – Truppen Friedrich II. von Dänemark, der Herzoge Adolf von Holstein und Johann von Hadersleben unter dem Oberbefehl von Johann Rantzau – den Ort 1559 gnadenlos zerstörten, konnte er dank des hier stattfindenden überregionalen Marktes relativ schnell wieder aufgebaut werden. Bis heute bestimmt das Bild des fast 5 ha großen Marktplatzes die Stadt, des größten der Bundesrepublik. Erstmals wurde Heide 1434 als >Uppe de Heyde< urkundlich erwähnt, schon 1447 versammelten sich hier die Dithmarscher auf neutralem Terrain. Bis zu 12 000 wehrfähige Männer kannten anwesend sein bei dem Obergericht der 48 Regenten und Abgeordneten der Kirchspiele, die jeden Samstag zusammentraten, Gesetze schufen und Recht sprachen, Strafen verhängten und diplomatische Gesandschaften empfingen oder ausschickten; eine Frühform praktizierten Parlamentarismus.

Feldgemeinschaften, die Eggen, hatten ursprünglich das Land unter sich aufgeteilt; ihren gemeinsamen Grenzpunkt markiert der Dreieggenstein auf der Südseite des Marktes. Im Süden des Marktes befindet sich auch der St. Georg-Brunnen des Siegfried J. Assmann (1989) mit seinen Tafeln zur Stadtgeschichte, etwa über die Versammlung der 48 Regenten – auf deren Zusammenkunft bis 1559 geht das historische Fest Heider Marktfrieden der kostümierten Bauern, Handwerker und Bürger an mittelalterlichen Marktständen zurück. Am historischen Kandelaber im Zentrum des Platzes wurden früher Neuigkeiten verkündet. Auch den Schusterjungen am Eingang zum Schuhmacherort gestaltete Siegfried J. Assmann (1984); Heide war Mitte des 19. Jh. eine Hochburg des Schuhmacherhandwerks. Ein Wahrzeichen von Heide ist der Wasserturm auf der Österweide, 1903 durch W. Voß als Backstein- und Klinkerturm mit verkupfertem Wasserbehälter erbaut. Im Park steht ein versetztes Hünengrab der jüngeren Steinzeit.

St. Jürgen Kirche
St. Jürgen Kirche

St. Jürgen

Nach dem Brand von 1559 erneuerte man den einschiffigen Bau und fügte Ende des 17. Jh. den Südanbau hinzu. Johann Georg Schott errichtete den zierlichen Westgiebelturm mit Laterne und hohem Spitzhelm (1724) in Formen des Übergangs der späten Gotik zur frühen Renaissance. Der Bildhauer Valentin Preuß und der Maler Johann Holte gestalteten 1699 den prachtvollen Barockaltar mit Gemälden des Abendmahls, Gekreuzigten und der Grablegung zwischen Figuren von Engeln, Evangelisten und des Auferstandenen. Der spätgotische Schnitzaltar folgt in den Reliefs der Beweinung, des Drachentöters und anderer Legenden Stichvorlagen aus dem Umkreis Cranachs und Dürers (um 1515). Älter als die barocke Holztaufe von Jürgen Heitmann d. J. (1641) sind die spätgotische Sandsteintaufe und das Triumphkreuz (15. Jh.). Als gelungenes Bei-spiel eines auf Eiderstedt verbreiteten Musters entstand die Kanzel der Spätrenaissance mit Reliefs von Petrus, Paulus, der Evangelisten und aus dem Leben Christi (16. Jh.). Die modernen Buntglasfenster von Dagmar Schultze zeigen weinende Frauen am Grabe Christi und eine Verkündigung (1953).

Als Doppelhaus aus Backsteinen errichtete Johann Georg Schott 1739 das Pastorat mit breitem Portal (Markt 27/28). Demselben Architekten verdankt Heide auch sein stattlichstes barockes Bürgerhaus: das Böttcher- oder Dreetörn-Hus, einen zweigeschossigen Traufenbau, dessen Zwerchhaus drei Obelisken oder Fialen (Törn für Türmchen) zieren (1733, Süderstr. 2). Anheimelnd norddeutsch klingt der (Straßen-) Name Lüttenheid und bedeutet schlicht: Klein- Heide. Im Brahms-Haus, einem eingeschossigen Traufenbau mit Zwerchgiebel des 18. Jh. (Nr. 34), befand sich das Stammhaus der Familie des Komponisten Johannes Brahms (1833-97). Heute zeigt die Gedenkstätte wechselnde Ausstellungen. Im Geburtshaus des viel zu wenig bekannten Mundart-Schriftstellers erinnert das Klaus- Groth-Museum (Nr. 48) an Hand von Mobiliar der Familie und Material aus dem Nachlass wie Handschriften und Ausgaben seiner Werke an den Autor (1819-99), der vielen (neben dem bekannteren Ernst Reuter) dank >Quickborn, Volksleben in plattdeutschen Gedichten Dithmarscher Mundart< als der Klassiker niederdeutscher Literatur schlechthin gilt. Auf dem Nordfriedhof mit seiner Kapelle (samt Auferstehungsrelief um 1515) erinnert im Schnittpunkt zweier Alleen am Mittelrondell das Zutphen-Denkmal von 1830 an den 1524 in Heide als >Ketzer< ermordeten lutherischen Märtyrer und Reformator Heinrich von Zutphen.

Entstanden ist St. Katharinen in Nordhastedt schon im 14. Jh., die qualitätvolle Kanzel und originelle Taufe auf Hermenweibchenpilastern (beides 17. Jh.) schuf wohl Jürgen Heitmann d. J. – Bei der Restaurierung 1966 legte man Wert darauf, den ursprünglichen Zustand von St. Remigius in Albersdorf aus dem 12./13. Jh. möglichst genau wieder herzustellen. Hans Peper gestaltete die Kanzel (1621/22) und Jürgen Heitmann d. J. den streng gegliederten Barockaltar (1645-47), älter ist die Bronzetaufe mit ihren feinen Reliefs und St. Georg als vierfachem Träger (um 1470). Zahlreiche Hünengräber und Langbetten machen übrigens Wanderungen rings um den Ort zu einem Erlebnis. Die Präsentation der Geschichte der Menschen und der Umwelt, die sie prägten, haben sich das Museum für Archäologie und Ökologie Dithmarschen und das Archäologisch-Ökologisches Zentrum Albersdorf zum Thema gemacht (Bahnhofstr. 23). – Der Weg zur Küste führt über Wöhrden: St. Nikolaus bestand seit dem 13. Jh., bevor Johann August Rothe 1786-88 den spätbarocken Saalbau mit passender einheitlicher Ausstattung errichtete. Den Gasthof Oldenzvöhrden ziert noch das prachtvolle Portal seines Vorgängers von 1643. Aus Fachwerk wurde 1519 das Materialienhaus als fensterloser Speicher an der Hafenstraße erbaut. Wöhrden besaß im Mittelalter einen schiffbaren Zugang zum Meer. – Weil die See unerbittlich an der Insel >Buisne< und ihren ursprünglich drei Bauern- und Fischerdörfern nagte, blieb schließlich nur Büsum übrig, es wurde im 16. Jh. durch einen Damm landfest gemacht. Mit den Mitteln modernster Jahrmarkts- Technik zeigt die Sturmflut-Erlebniswelt Blanker Hans, welche Kräfte die tobende Nordsee immer wieder entwickelte (an der B 203, Dr.-Martin-Bahr-Str. 7). In Büsum stehen die Strandkörbe nicht nur im Sand, sondern auch auf der grünen Wiese am Deich. Denn trotz der geschützten Lage am Nordrand der Meldorfer Bucht weht häufig eine steife Brise, und es ist nicht jedermanns Sache, den zum Baden und Wandern so angenehm feinen Sand auch zwischen den Zähnen und in den Augen zu spüren. Büsum hat sich seit der Gründung des Seebades 1837 jedenfalls zu einem der beliebtesten Familienbäder der Nordseeküste entwickelt, die weiten Wattflächen und das Meerwas- ser-Wellenbad in der Halle sind besonders für die jüngeren Badegäste ideal. St. Clemens fand 1140 als Inselkirche Erwähnung und musste ebenfalls mehrfach den Fluten weichen. Für den Backsteinbau des 15. Jh. wurde wohl das Triumphkreuz geschnitzt (1495). Die prachtvolle Bronzetaufe des 13. Jh. stand ursprünglich fest auf ihren Trägerfiguren in der Alten Kirche zu Pellworm, bevor sie der Büsumer Seeräuber Cord Widderich 1452 hierher verschleppte und wie den Sakramentsschrank seiner Heimatkirche >stiftete<. Altar und Kanzel entstanden im frühen 17. Jh., eine Gestühlswange von 1564 zeigt Martin Luthers Porträt, und ein Dreimaster trägt den schönen Namen >Der milde Herbst< (1821). Neobarocke Formensprache prägt Carl Mannhardts Rathaus dank expressiver Backsteinverwendung (1914/15).