Lübecks >schönste Tochterc Travemünde


Seit Travemünde 1802 als dritter deutscher Ort den Titel >Seebad< (nach Heiligendamm/Mecklenburg und Norderney) erhielt, änderte sich einiges. Vieles wurde moderner, Teile des Stadtkerns, speziell die Vorderreihe, die Jahrmarkt- oder die St. Lorenz Straße, haben aber jenen Charme bewahrt, den Thomas Mann als Kind genoss; noch Jahre später schwärmte er von »Travemünde, dem Ferienparadies«. Daneben ist der Skandinavienkai seit über dreißig Jahren Ausgangspunkt für den Fährverkehr über die Ostsee. Yachten, Ausflugsboote und Butterdampfer machen hier fest. Vor dem Ostufer, der Halbinsel Priwall, liegt eines der Wahrzeichen Travemündes, die 1911 in Hamburg gebaute Viermastbark Passat als schwimmendes Museum vertäut, seit ihr Schwesterschiff >Pamir< 1957 in einem Orkan sank. Vom Ostpreußenkai sticht die Stettin in See: ein Eisbrecher und ebenfalls Museumsschiff.

Strand Travemünde
Strand Travemünde

Rings um die Trave liegt altes, lange umkämpftes Siedlungsgebiet. Schon gegen 1150 ließ Graf Adolf II. von Schauenburg auf einer Landzunge, dem Stülker Huk, eine kleine Burg anlegen, die 1181 von slawischen Abodriten überrannt wurde. Seinem Sohn und Nachfolger, Adolf III., gelang es 1187, den Platz wieder zu erobern. Als Erstes erneuerte er Burg und Turm, um von Schiffen, die das wenig früher gegründete Lübeck ansteuerten, Zoll kassieren zu können. Nun hatten sich die Lübecker aber 1188 mit dem Barbarossa- Privileg verschiedene Rechte zusichern lassen, und eine Zollstelle störte die aufstrebende Stadt in ihrem Lebensnerv. Doch die Handelsherren lösten den Konflikt in wahrhaft hanseatischem Geist. Ge-gen Bares erhielten sie 1320 vom Grafen das Recht, seine kleine Festung zu schleifen. Offenbar war damit das Problem aber noch nicht endgültig gelöst, denn schon 1329 sahen sich die Lübecker zu einem weiteren Kauf gezwungen, diesmal erwarben sie gleich den ganzen Ort Travemünde. Der existierte nachweislich seit 1219, erhielt 1317 sogar Stadtrechte und hatte nun bis ins 19. Jh. vorwiegend die Aufgabe, den Zugang zu Lübecks Häfen zu sichern. Dazu errichtete man 1320 einen ersten Leuchtturm, dessen runder Nachfolger aus roten Backsteinen von 1539 heute noch steht. Es dauerte über 400 Jahre, bis das mehr als 30 m hohe, wohl dienstälteste Leuchtfeuer überflügelt wurde von einem 117 m hohen Hotelturm, dessen oberstes Geschoss seit 1974 Schiffen den Weg weist: Europas höchstes Leuchtfeuer. Nicht ganz so bekannt wie die Kieler Konkurrenz ist schließlich die Travemünder Woche. An der 100-Jahr-Feier 1989 nahmen Segler aus 27 Nationen teil, darunter 75 Segel-Oldtimer und Windjammer.

Nach dem Stadtbrand 1522 errichtete man die 1235 erwähnte St. Lorenz-Kirche aus Backsteinen neu und vollendete 1621 den stämmigen, quadratischen Westturm mit oktogonalem Obergeschoss unter einem hohen achtseitigen Spitzhelm. Um 1600 entstand die mit Rauten und Kreissegmenten ausgemalte Balkendecke des frühen Barock. In der späten Gotik schnitzte ein unbekannter Meister das Triumphkreuz (15. Jh.). Ursprünglich gehörte die spätgotische St. Jürgen-Gruppe (um 1520) in der Turmhalle zur Ausstattung des abgerissenen Siechenhauses. Lübische Einflüsse zeigt der Barockaltar aus der Werkstatt von Hieronymus Jacob Hassenberg (1723). Die zentrale Kreuzigungsgruppe aus Marmor über dem Abendmahl der Predella wird vom auferstandenen Christus bekrönt. Säulen tragen die kannelierten Voluten des Obergeschosses auf schwerem Gebälk, Posaunenengel, Putten und Vasen bilden den dekorativen Rahmen. Geschickt ist der hölzerne Architekturaufbau durch Marmor imitierende Bemalung den Plastiken angeglichen. Spätbarocke Züge weist der Korb der Holzkanzel von 1735 auf, eine Jahwesonne mit Taube des hl. Geist überstrahlt den Schalldeckel. Mit Gestühlsbrüstungen und -wangen des 16. und 17. Jh. verkleidete man den Chor. Als letzter Rest des spätromanischen Taufsteins und seiner Renaissance- Brüstung blieb das Kuppa-Fragment (13. Jh.). Rückschlüsse auf die Verstorbenen erlauben die zum Teil bemerkenswerten Epitaphien wie etwa astronomische Geräte. In der Vorderreihe 7 befand sich die ehemals Lübische Vogtei. Staffelgiebel und das schöne, rundbogige Portal mit gestuftem Gewände erinnern an Bürgerhäuser dort. Eine Kopie des Marburger Kruzifixes von Ernst Barlach (1918) ziert das schmalere Schiff des modernen Backstein-Zweckbaus der St. Georgs- Kirche (Rose 23).

Schon 1215 wurde >Zwartowe< erwähnt, dank der Jod-Quellen darf es sich seit 1912 Bad Schwartau nennen. Als kleiner spätgotischer Saalbau aus Backsteinen wurde die St. Georgs-Kapelle des ehemaligen Siechenhauses in der Eutiner Straße um 1500 erbaut. Der schöne Barockaltar (1674) des Jakob von Santen mit Malereien von J. Kunkel zierte ursprünglich die St. Lorenzkirche zu Lübeck. Im Ortsteil Rensefeld vereint St. Fabian spätromanische mit frühgotischen Stilelementen (um 1200). Um 1500 entstand die gotische Kreuzgruppe. Einen märchenhaften Blick genießt man von der 1901 errichteten Bismarcksäule auf dem Pariner Berg (gut 70 m über NN), auch auf die berühmte Silhouette der sieben Türme.