REISEN ZUR KUNST IN SCHLESWIG-HOLSTEIN


Fernhandel zur See mit Tradition: Haithabu im Schutz des Danewerk als historisches Modell

Nähert man sich dem historischen Zentrum Schleswig-Holsteins, Schloss Gottorf, früher Residenz der Herzoge von Schleswig und Schleswig-Holstein-Gottorf, von Westen her, über bewaldete Geest- Rücken, dann bietet sich dem Besucher ein selten schönes Panorama, rings am Horizont von sanften Hügelketten umsäumt. Über das Wasser der Schlei schweift der Blick, von der großartigen weiß schimmernden Fassade des Schlosses zum modernen Wiking-Turm mit seiner glänzenden Stahl-Glas-Architektur und der meist klein- giebligen Altstadt Schleswigs, die sich um den hoch aufragenden neo-gotischen Domturm drängt, hinter dem beschaulichen Hafen und schließlich zum eingemeindeten Fischerdörfchen Holm.

Auf Schleswigs große Vergangenheit deutet der Name des modernen Achteck-Turms. Dreht man sich auf der schmalen Landzunge zwischen der Schlei, einer flussartig verengten Förde und ihrem Seitenarm, dem Haddebyer Noor, um und sieht nach hinten, dann wendet man auch im übertragenen Sinn den Blick zurück. Hier lag eine der Keimzellen des Landes: die Wikinger-Metropole Haithabu, die >Siedlung auf der Heide<. Ihre Blüte dauerte nur kurze Zeit.

Erstmals 804 in den fränkischen Reichsannalen urkundlich erwähnt, datiert man den Beginn systematischer Bautätigkeit auf das Jahr 811, um 1020 erfolgten die letzten nachweisbaren Bauarbeiten. Zeitweilig regierten Wikingerkönige von Haithabu aus, das Mitte des 10. Jh. eine größere Fläche umfasste als Köln. Schon 1050 zerstörten norwegische, dann 1066 westslawische Truppen dieses frühe europäische Fernhandelszentrum. Vier Runensteine fand man aus dem Bereich Haithabus (einer wurde später in den Bastionen von Gottorf vermauert); heute kann man mehrere historisch wie regional unterschiedliche >Runen-Alphabete< zwar entschlüsseln, allein die Deutung vieler Texte gibt immer noch Rätsel auf. Helden-Sagas, geschlagen in gewaltige Felsbrocken, urwüchsige Denkmale für die Ewigkeit – das bot völkischen Ideologen ideale Vorlagen für Legenden vom germanisch-nordischen Herrenmenschen. Wüste Gesellen! Schon die Namen sprechen für sich: Erik der Rote, Harald der Harte, Sven Gabelbart oder Harald Blauzahn …

Doch nicht nur als Haudegen und Draufgänger waren die Wikinger gefürchtet, eine ihrer wichtigsten Handelswaren bildeten schließlich Sklaven. Der Chronist Adam von Bremen beklagt ihre Raubzüge nach dem Tod König Ludwigs des Deutschen (876): »Damals ist Sachsen von Dänen und Normannen verwüstet worden, Herzog Brun fiel mit 12 anderen Grafen, und die Bischöfe Dietrich und Markward wurden erschlagen. Damals wurde Friesland entvölkert und die Stadt Utrecht zerstört. Die Seeräuber steckten Köln und Trier in Brand. Die Aachener Pfalz machten sie zum Stall für ihre Pferde.«

Für Jahrhunderte geriet alles in Vergessenheit. Erst seit 1900 erforschen Archäologen die Siedlung. So gelangte 1897 der dänische Archäologe Sophus Müller zu der Überzeugung, das Gelände innerhalb des Ringwalles am Haddebyer Noor sei der in Vergessenheit geratene Siedlungsplatz des alten Haithabu. Erkundende Grabungen förderten nach ersten Spatenstichen bald so viele Kulturspuren ans Tageslicht, dass hier ein Ort blühenden städtischen Lebens gewesen sein musste. Als >Troja des Nordens< feierte man die Entdeckung, geben die Funde – Kleidung, Schmuck, Werkzeuge und Waffen – doch wichtige Aufschlüsse über das Leben in einem mittelalterlichen Fernhandelszentrum. In Haithabu – schriftliche Quellen überliefern zwei Namen: >heithabyr<, auch: >Hedeby< oder >Haddeby< – geprägte Münzen fand man im gesamten skandinavischen und Ostseeraum, bis weit nach Russland hinein. Andererseits stieß man in Haithabu auf Geldstücke, die aus Bereichen stammen, die heute zur Türkei, dem Irak oder China gehören.

Im vergangenen Jahrtausend stieg der Wasserpegel der Ostsee und der mit ihr verbundenen Schlei um rund einen Meter an und überspülte die in der Wikingerzeit bewohnten Uferbereiche. Aus Holz bestanden die Bauten der Siedlung. Überliefert ist ein Kirchenbau von 850 und die Bistums-Gründung von 948, etwa aus dieser Zeit stammt auch eine Bronzeglocke, die im Hafenschlick geborgen wurde: die älteste vollständig erhaltene im europäischen Raum. Mindestens ebenso sensationell war die Entdeckung der Reste mehrerer Wracks von Wikinger-Schiffen im Hafen, von seetüchtigen Fahrzeugen also, bis dahin kannte man Boote nur als Beigaben in Fürstengräbern.

Zusammen mit dem Danewerk des frühen 8. bis späten 12. Jh., einer ausgedehnten dänischen Grenzbefestigung aus Erdwällen und Gräben, Palisaden, einer Feldstein-, später Ziegelmauer und einer (kaum mehr erkennbaren) Turmhügelburg, die die jütländische Halbinsel an ihrer schmälsten Stelle zwischen Haithabu und dem heutigen Hollingstedt abriegelte – eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber dem Macht- und Missionsdrang Karls des Großen wie seiner Nachfolger bietet sich hier für Archäologen ein einzigartiges Bodendenkmal. Benannt nach ihrem Erbauer, dem dänischen König Waldemar dem Großen, gilt die Waldemars-Mauer als erste bezeugte Backsteinarchitektur des Nordens (12. Jh.); längere Abschnitte haben die Jahrhunderte überdauert. Im Bereich des gesamten Ostseeraums gibt es an keiner vergleichbaren Stelle eine etwa 50 Hektar große zusammenhängende, frei zugängliche Siedlungsfläche des Frühmittelalters, die Gräberfelder verschiedener Epochen, Werkstätten und Wohnhäuser mit einer Kirchentradition, zwei Höhenbefestigungen, Hafenanlagen mit Schiffsfunden, mit Küsten- und Seebefestigung umfasst und die zudem noch an ein komplexes Langwall- System angeschlossen ist.

Das Museum am Danewerk informiert über die Wallanlagen, die noch Mitte des 19. Jh. von dänischen Pionieren zu militärischen Zwecken wieder hergerichtet wurden. Sehenswert ist aber auch das Wikinger Museum Haithabu. Außerhalb der einstigen Stadt errichtete man sieben Hallen in der Form kieloben liegender Schiffe zwischen Busdorf und Haddeby am Ufer, unterhalb des alten Burgbergs.

Im Schutz des Danewerk konnte sich Haithabu entwickeln. Zwar trat es seine Bedeutung an Schleswig ab, das später seit Mitte des 12. Jh. von Lübeck in der Hanse überflügelt wurde, als größere Koggen statt in der Schlei in der Lübecker Bucht festmachten, aber es ist eine der historischen Stätten, an denen man modellhaft Mechanismen der Entwicklung von Siedlungen und Handel dokumentieren kann. Denn ähnlich wie die Händler aus Haithabu oder Schleswig, sollten lübische Kaufleute Jahrhunderte später an Einfluss verlieren, als mit der Entdeckung Amerikas der Schiffsverkehr über den Atlantik zunahm. Knapp 1 km nördlich des Stadtwalls von Haithabu liegt die St. Andreas-Kirche von Haddeby. Als man sie im 12. Jh. errichtete, war die alte Siedlung schon verödet (Ausstattung 13.-15. Jh.).

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