Rosenstadt und Musenhof: Eutin 3


>Weimar des Nordens<

Durch sein Ensemble gut erhaltener und denkmalgeschützter Häuser nimmt der Voßplatz für sich ein. Im Voßhaus (Nr. 6), einem zweigeschossigen Fachwerkgiebelhaus mit Krüppelwalmdach, lebte 1776-84 der Hofbeamte, Diplomat und Schriftsteller Friedrich Leopold Graf zu Stolberg. Anschließend bewohnte 1784 bis 1802 Johann Heinrich Voß das Gebäude, der mit Stolberg seit ihrer gemeinsamen Zeit als Studenten im Göttinger Hain-Bund befreundet war. Stolberg hatte durch seine Vermittlung angeregt, Voß als Rektor an die Eutiner Gelehrtenschule berufen zu lassen. Für seine Zeit vertrat der Pädagoge Voß revolutionäre Ziele, wollte seine Schüler zur Kritikfähigkeit erziehen. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft verband Stolberg und Voß zunächst eine tiefe, wenn auch nicht unproblematische Freundschaft, die später abkühlte. Voß musste sich als Sohn armer Kleinbauern das Studium hart erkämpfen und vergaß nie, dass noch sein Großvater als Leibeigener geboren worden war. Die Zeit in diesem Haus bezeichnete Voß später als glücklichste seines Lebens und arbeitete hier an seinen Übertragungen von Homers Epen >Ilias< und >Odyssee<, schrieb Lieder und Idyllen, wie >Luise<, die Johann Wolfgang Goethe zu >Hermann und Dorothea< anregte. Der Weimarer Dichterfürst schätzte Voß als >Eutiner Leuen< wegen seiner Homer-Übersetzungen. Freunde wie Friedrich Gottlieb Klop- stoclc, Matthias Claudius, Jens Baggesen oder Wilhelm von Humboldt und Johann Kaspar Lavater besuchten ihn hier in seiner Dienstwohnung als Rektor, bevor Voß 1802 zuerst nach Jena, später nach Heidelberg ging. Diesem Kreis verdankt Eutin das freundliche Etikett als >Weimar des Nordens<.

Eutin
Eutin

Nachfolgerin jener Stadt- oder Gelehrtenschule (in der Schlossstraße Nr. 9), die Voß als Rektor leitete, wurde das 1831-33 von H. N. Löwen errichtete Alte Gymnasium (Plöner Str. 15), ein zweigeschossiger Putzbau von sieben Achsen mit dorischem Säulenportikus, seit 1955 umbenannt in Carl-Maria-von-Weber-Schule. So erklärt sich auch die leicht irreführende Tatsache, dass vor der nach dem größten Sohn Eutins benannten Schule eine bronzene Büste des Johann Heinrich Voß steht (seit 1883, Entwurf von Thäger). Folgt man der Plöner Straße weiter stadtauswärts, steht man bald im Mühlenweg vor dem etwa 1850 erbauten reetgedeckten Galerieholländer. Die Johann-Heinrich-Voß-Schule führt die Tradition der alten Latein- oder Gelehrtenschule weiter, der Voß als Rektor Vorstand (Bismarckstraße 14). Sie wurde 1913 durch Heinrich Bomhoff in neubarocker Form als Winkelbau errichtet, unweit des Wasserturms von 1909 in gut mittelalterlich historisierendem Burgenstil nach Plänen des C. Franke; der Umgang mit Zinnenkranz bietet einen herrlichen Rundblick auf die Stadt und Ostholstein.

Lebten die >Kleinen Leute< eher bescheiden in der Wasserstraße, wo Johann Heinrich Voß 1782 für zwei Jahre ihr Nachbar war, so logierte der Anhang des Hofs in der Schlossstraße, der Stolbergstraße und der Lübecker Straße. Speziell der Stolbergstraße sieht man diese Vergangenheit noch an. Erhalten haben sich eine Reihe von Kapitelshöfen, deren Erbauer – Hofbeamte oder auch Stiftsherren – häufig dem Landadel angehörten und die ihnen vertraute Architektur mitbrachten. Das Stolberghaus (Stolbergstr. 8-10), einen palaisartigen Backstein-Breitbau von neun Achsen über zwei Stockwerke mit Eckrustika, schmalem Torrisalit und geschweiftem Geibel, bewohnte von 1793 bis 1800 Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, als führender Hofbeamter maßgeblich verantwortlich für die Geschicke der kleinen Residenz. Er hatte aber auch Erfolg als Schriftsteller. Seine idyllische Utopie >Die Insel< in Form eines Romans lässt sich als Diskurs über Gesellschaftsmodelle lesen. Ein anderer berühmter Bewohner dieses Hauses war Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, Goethes Freund und Begleiter in Italien, der ihn in der Campagna malte. Ab 1808 bis zu seinem Tod 1829 wirkte Tischbein als Hofmaler in Eutin. Man sollte sich die Zeit nehmen, diese wohl schönste und kulturhistorisch interessanteste Straße Eutins ausführlich anzusehen, Wärme strahlen die Backsteinfassaden aus, die häufig älteren Fachwerkfronten als >Schürzen< vorgeblendet wurden, viele Häuser zieren prachtvolle Rosenstöcke, Tafeln verweisen auf prominente Bewohner.

Als Ersatz für ein Armenhaus des 15. Jh. errichtete Georg Greggenhofer 1770 das ehemalige St. Georgs-Hospital (Lübecker Str. 17). Eckpilaster und der dreiachsige, übergiebelte Mittelrisalit mit Rundbogenblenden gliedern den zweistöckigen Backsteinkomplex. Als verputzten Breitbau über zwei Stockwerke konzipierte Wohlschläger 1909-11 das ehemalige Regierungsgebäude (Lübecker Str. 37-41). Werksteinelemente lockern die Fassade auf, die neo-barocke Architektur auf reizvolle Weise mit Details des Jugendstils verbindet. Dem breiten, übergiebelten Mittelrisalit ist eine Pfeilerhalle mit Balkon vorgelagert. Sandsteinputten bevölkern den Garten. Nobel ist das Treppenhaus mit Marmorsäulen ausgestattet, sie tragen stuckier- te Gewölbe. Außerhalb des Altstadtbereichs befindet sich das Geburtshaus von Carl Maria von Weber (Lübecker Str. 48), der hier am 18. oder 19. 11. 1786 in dem zweigeschossigen Fachwerktraufenbau aus dem 18. Jh. zur Welt kam. Später kehrte der wohl bedeutendste Komponist der musikalischen Romantik nur noch zweimal kurzfristig an seinen Geburtsort zurück, bevor er 1821 mit dem >Frei- schütz< in Berlin seinen größten Erfolg feiern konnte.Weber starb am 5. 6. 1826 in London. Im Weberhain hat Eutin ihm 1890 eine überlebensgroße Bronzebüste von Paul Peterich setzen lassen.

Als Deutschlands ungewöhnlichster Briefkasten< darf sich die knorrige, rund 500 Jahre alte Bräutigamseiche im Dodauer Forst (Parkplatz an der B 76) fühlen, sie hat sogar eine offizielle Adresse mit Postleitzahl: 23701 Eutin. Reizvoll ist die reetgedeckte alte Schulkate in Kasseedorf, in der von 1690 an 100 Jahre lang wirklich unterrichtet wurde. Wie weit der Eutiner Hof seinen Schatten warf, das kann man am sagenumwobenen Ukleisee erkennen. Denn in dieser landschaftlich ausgesprochen idyllischen Lage auf einer Anhöhe zwischen Uklei- und Kellersee errichtete Georg Greggenhofer 1776 den Jagdpavillon Sielbeck. Hohe Fenster unter Ochsenaugen zwischen dorischen Pilastern erhellen den stuckierten Festsaal. Hügel, Wälle und Gräben rings um den Ukleisee zeugen noch von älteren, zum Teil slawischen Besiedlungen.