Rosenstadt und Musenhof: Eutin


Als älteste Siedlungsspuren fand man auf der Fasaneninsel im Großen Eutiner See slawische Scherben. Um 1170 erwähnt der Bosauer Pfarrer und Chronist Helmold eine slawische Gaufestung, deren Name Utin auf einen wendischen Fürsten Uto zurückgeht. Um 1150 wird der Ort Zentrum einer geistlichen Grundherrschaft mit Markt, Kirche und bischöflichem Hof. Unter der Bedingung, ihre Stadt nicht durch eine Mauer zu sichern, erhielten die Bürger Utins 1257 von ihrem Landesherren, dem Bischof von Lübeck, Stadtrechte nach dem Muster der Stadt an der Trave. Trotz der Reformation 1525 bleibt das Hochstift bestehen, auch nach 1648 kann der Bischof – inzwischen Fürstbischof – weiter von hier aus regieren, die Stadt nennt sich jetzt allerdings Eutin. Nach einem Brand, dem weite Teile der Stadt und auch das Schloss 1689 zum Opfer fallen, wird Eutin großzügig als barocke Residenz ausgebaut. Unter Herzog Friedrich August (1750-85) und Peter Friedrich Ludwig (1785-1829) aus dem Haus Holstein-Gottorf erreicht der kleine Musenhof im Norden den Höhepunkt seiner kulturellen Ausstrahlung, gewinnt auch politisch an Gewicht, als 1773-75 das Fürstbistum Lübeck mit den Grafschaften Oldenburg und Delmenhorst zum Herzogtum vereinigt wird. Auch als Peter Friedrich Ludwig um 1800 den Hof nach Oldenburg (in Oldenburg) verlegt, blieb Eutin Sommerresidenz. Erst 1803 wird das Bistum Lübeck als geistliches Territorium aufgehoben. Außer den Veranstaltungen im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival führt die Stadt regelmäßig die Eutiner Sommerspiele auf: weithin geschätzte Konzerte und Operninszenierungen im Schlosspark.

Das Eutiner Schloss
Das Eutiner Schloss

Rings um das Schloss

Auf einer Halbinsel im Großen Eutiner See liegt das Schloss an der Stelle einer bereits im 12. Jh. von Helmold erwähnten bischöflichen Curie, die gegen 1275 als >Steinernes Haus< befestigt wurde und nach der Vertreibung der Bischöfe aus Lübeck um 1300 zur ständigen Residenz avancierte. Schon die älteste Darstellung bei Braun- Hogenberg (um 1560) kommt dem jetzigen Aussehen der Anlage recht nahe: ein vierflügeliges Ensemble mit Türmen. Seine heutige Gestalt als Barockschloss erhielt der Bau weitgehend nach einem Brand 1689, als Rudolf Matthias Dallin von 1716 bis 1727 für Fürstbischof Christian August West- und Südseite erneuerte und den großen Garten anlegte. Aus dem breiten Hausgraben steigt eine mächtige dreigeschossige Wasserburg auf, im Kern noch mittelalterlich, aus leuchtenden roten Backsteinen. Vier Flügel mit zwei Ecktürmen und einem viergeschossigen Torturm mit Uhren und barock geschweifter Haube über offener Laterne umschließen den trapezförmigen Innenhof. Rätsel gibt eine kleine mittelalterliche Sandsteinfigur von 1583 am Eingangstor auf: Unklar ist, ob es sich um die Darstellung eines Bischofs, Kaisers mit Reichsapfel oder eines Rolands als Symbol der Stadtgerichtsbarkeit handelt. Die einzelnen Phasen des Ausbaus lassen sich an den verschiedenen Portalen im Schlosshof ablesen.

Seit 1293 befindet sich die Schlosskapelle an derselben Stelle in der Südostecke, zuletzt wurde sie gegen Ende des 17. Jh. im Akan- thusbarock erneuert. Für die Aufteilung des Raums über zwei Stockwerke orientierte man sich am Vorbild von Schloss Gottorf, über dem Altar auf der Ostseite befindet sich die Fürstenloge. Rembrandts Darstellung einer Kreuzabnahme stand Pate für das Altarbild im üppig mit Akanthusmotiven, Leidenswerkzeugen und Evangelisten-symbolen verzierten Barockrahmen. Gleichzeitig entstand auch die erkerartige Kanzel. Das Orgelwerk schuf 1750 Arp Schnitger. Weitgehend erhalten sind die alten Repräsentationsräume: Säle, Salons und fürstlichen Appartements mit ihren Tapeten und Gobelins, Supraporten, Kaminrisaliten, Öfen – dekoriert auch nach hellenistischen Motiven Johann Friedrich Wilhelm Tischbeins -, stuckierten Wänden und Decken von Carl Maria Pozzi, Carlo Enrico Brenno und anderen Künstlern italienischer Herkunft, wertvollen originalen Möbeln, Gemälden und Gegenständen des täglichen Gebrauchs. Besonders reizvoll ist die vollständig mit bemalten holländischen Kacheln verkleidete kleine oder auch Teeküche der Herzogin. Die Porträtsammlung gilt als größte im nördlichen Deutschland und belegt die weit verzweigten Familienbande des Hauses Gottorf; dänische und schwedische Könige hängen hier einträchtig nebeneinander, weit friedlicher, als während ihrer Regentschaft … Szenen aus der Ilias und Odyssee malte Johann Friedrich Wilhelm Tischbein, der 1806 bis 1829 in Eutin weilte, sicher auch angeregt durch die Homer- Übersetzungen des Schriftstellers Johann Heinrich Voß, der ab 1782 hier als Rektor an der Gelehrtenschule wirkte. Fünf stattliche Schiffsmodelle des frühen 18. Jh. stammen wahrscheinlich aus Russland.

Der repräsentative Schlossvorhof erweitert den inneren Residenzbereich zur Stadt hin. Nach 1828 wurden die Gebäude der einstigen Vorburg abgetragen und nach Plänen des Hofbaumeisters Johann Friedrich Limpricht in klassizistischem Stil als lang gestreckte, anderthalbgeschossige Putzbauten mit angedeuteten Eckrisaliten, Rundbogentoren und flachen Walmdächern neu aufgeführt: Der Remise im Süden (Kreisbibliothek) entspricht der Marstall im Norden, jetzt befindet sich hier das Ostholstein-Museum Eutin. Zunächst einmal erinnert man daran, dass Eutin als >Weimar des Nordens< zur Goethe-Zeit weithin Ansehen genoss – ein Vergleich, der zumindest für ungebrochenes Selbstbewusstsein spricht. Werke der hiesigen Maler sowie Darstellungen der holsteinischen Landschaft bilden weitere Schwerpunkte der Ausstellung. Neben Dokumenten und Ansichten zur Geschichte der Region und von Eutin selbst finden sich noch zahlreiche Zeugnisse der Lebens- und Arbeitswelt: Möbel, Fayencen, Gläser, Zinn und Silber. Nach Westen schließt das zweistöckige ehemalige Kavaliershaus (Eutiner Landesbibliothek) den Platz ab. Eine Lesende aus Bronze von Karlheinz Goedtke davor scheint über ihrem Buch die ganze Welt um sich vergessen zu haben. Im Süden des Schlosses beginnt der Garten mit einer prächtigen Lindenallee, die frühere Barockanlage gestaltete man zu Beginn des 19. Jh. in einen englischen Landschaftspark um. Meine Tempel des späten 18. Jh. – einer mit Büste des >Großen Sohnes< Carl Maria von Weber – und die ehemalige Orangerie von Georg Greggenhofer (1772) durften natürlich nicht fehlen.