Überseehafen in der City: Kiel 6


Entlang des Kleinen Kiel, und damit auf der Linie der ursprünglichen Stadtgrenze, gelangt man zum Stadtzentrum der Neuzeit, dem Rathausplatz mit dem Standort des olympischen Feuers von 1972. Der zum Flottenstützpunkt aufgestiegenen Rolle der Stadt sollte ein repräsentativer Verwaltungssitz entsprechen. Um drei Innenhöfe gruppiert sich das eindrucksvolle Rathaus, seine lang gestreckte Fassade zum Platz und Kleinen Kiel hin wurde 1907-11 nach Plänen von Hermann Billing in der Form moderaten Jugendstils mit barocken Elementen aus Ziegeln und Werkstein errichtet. Mächtig ragt der Turm 106 m über quadratischem Grundriss auf, Pilaster und Eckrustika zieren leicht eingezogene Obergeschosse unter der hohen Helmpyramide. Von oben, der in 67 m Höhe liegenden und dank des Fahrstuhls bequem zu erreichenden Plattform, genießt man jedenfalls einen prächtigen Ausblick auf Stadt, Förde und Umland, wenn in der Saison Führungen durch das Rathaus und seine Repräsentationsräume angeboten werden.

Opernhaus
Opernhaus

Zwei Wandgemälde von Ludwig Dettmann dokumentieren in nach expressionistischer Manier gesteigertem Realismus die Aufbruchsstimmung, die das aufgrund der Marineansiedlung »boomende« Kiel noch 1913/14 beseelt haben muss: »Hochbau« und »Tiefbau«. Bronzeplastiken wie »Die Schwerttänzerin« von Adolf Brütt (1891), eine »Brunnenfigur« des Hermann Föry (1911) oder »Der Sinnende II« (1934) und »Frierende Alte« (1937) von Ernst Barlach so-wie ältere Gemälde geben den Räumlichkeiten eine gediegene Würde. Keusch hat sich auf dem Rathausplatz der – ansonsten nackte – Schwertträger des Adolf Brütt gleich einem Schlips den Gürtel um Lenden und Ärgeres geschlungen, das 1912 Anstoß hätte erregen können. Da gibt sich der unbekleidete Römische Jüngling, den Hermann Blumenthal 1936 als »Ehrenmal für die Toten der Universität« produzierte, ungleich freier (Ohlshausenstraße).

Aus Ziegeln mauerte man 1905-07 das Opernhaus mit üppiger Werksteingliederung, offenbar unter dem Einfluss niederländischer Renaissance-Architektur, die allerdings zeitgemäße Jugendstil-Einsprengsel nicht ganz verleugnen kann. An der Rathausstraße nahe dem Kleinen Kiel tritt uns der altersmüde Bismarck entgegen, auf sein Schwert gestützt, Harro Magnussen modellierte ihn 1897 in Bronze. Der Ostsee- und Fördehalle sieht man nur bei genauerer Betrachtung heute noch an, dass sie aus einer hierher versetzten Flugzeughalle entstand. – Im Freigehege des Schrevenparks mit seinem See lassen sich zahlreiche Wasservögel beobachten, weit exotischeres Geflügel als die Möwen, Gänse und Enten der Umgebung.

Den Europaplatz abwärts, vorbei an Hügeln und Wasserspielen der modernen Stadtlandschaft, gelangt man zur Fußgängerzone zurück. Linker Hand sitzt auf dem Asmus-Bremer-Platz der Altbürgermeister dieses Namens, just so, wie er es schon zu seiner Amtszeit 1702 bis 1720 am liebsten hatte: mitten unterm Volk. Frauke Wehberg platzierte die lebensgroße Bronzefigur 1982 auf der runden Steinbank.

Holstenstraße und Holstentöm – Sitzbänke und Beete sind als Schiffchen angelegt – führen zum Sophienhof, mit seinen beiden Stockwerken derzeit das größte überdachte Einkaufszentrum der Bundesrepublik. Wechselausstellungen von schleswig-holsteinischer und skandinavischer Kunst der Gegenwart zeigt die 1988 eröffnete Galerie neben einer Auswahl von Werken aus städtischem Kunstbesitz wie auch dem Fundus der Stiftung des in Kiel geborenen sozialkritischen Künstlers Heinrich Ehmsen (1886-1964). Auf dem nach ihm benannten Platz ragt seit 1989 eine für Anhänger moderner Plastik besonders beeindruckende Skulptur über ihrem Sockel aus glasierten Ziegeln lim empor: Ein Monolith und eine Spirale für Kiel von Björn Norgaard. Allein die Dimensionen dieses Denkmals fallen auf, nicht nur wegen des engen Raums. In schwedischen Granit gemeißelt ist die männlich-weibliche Doppelfigur, ein Bronzegitter symbolisiert, dass der moderne Mensch in ein vielfältiges Geflecht von Kräften individueller und gesellschaftlicher, kultureller und politischer Art eingebunden lebt.

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