Wege durch Lübeck 12


St. Katharinen

Die dreischiffige Basilika aus dem frühen 14. Jh. dient seit 1982 als herausragendes Baudenkmal hochgotischer Backsteinarchitektur als Museumskirche. Damals entstand auch der zierliche Dachreiter – als letzter der Gotik existiert er in Lübeck. Mit der Reformation wurde das Kloster aufgelöst, seine Räume nutzte der Reformator Johannes Bugenhagen für die von ihm gegründete Gelehrtenschule, das Ka- tharineum. Die Kirche blieb bestehen, dort hielt man bis ins 19. Jh. weiterhin Gottesdienste ab. Während der französischen Besetzung 1806-13 fanden Kirche und Schule zunächst als Lazarett, später als Lagerhaus und Ausstellungshalle Verwendung. Das nördliche Seitenschiff verjüngt sich mit Rücksicht auf den Verlauf der Glockengießerstraße, deshalb ist auch die aufwändig strukturierte Westfassade asymmetrisch ausgefallen. Beachtung verdienen die großartigen Terrakottafiguren, deren expressive Formensprache der Moderne sich verblüffend harmonisch in die mittelalterliche Backsteinarchitektur fügt. Ernst Barlach schuf 1930-33 die nördlichen: >Frau im Wind<, >Bettler auf Krücken< und >Singender Klosterschüler< – sie konnten erst 1947 aufgestellt werdenund Gerhard Mareks ergänzte 1947/48 den Zyklus: >Christus als Schmerzensmann^ >Brandstif- ter<, >Jungfrau<, >Mutter und Kind<, >Kassandra<, >Prophet<.

St. Katharinen Museumkirche in Lübeck
St. Katharinen Museumkirche in Lübeck

Als Glücksfall für die Denkmalpflege erwies sich, dass die gotische Ausmalung des 14. Jh. mit Figuren und Kreuzigung wohl bald nach der Fertigstellung übertüncht wurde und sich deshalb komplett erhalten hat. Unwillkürlich richten Besucher den Blick auf die dominierende Triumphkreuzgruppe (um 1450) der Gotik auf der Brüstung des Oberchors mit Uhr (1597) und Tafelgemälden der Passionsgeschichte (17. Jh.). Der Erbauungszeit der Kirche (1320-25) gehört noch das mit reichem Schnitzwerk verzierte gotische Chorgestühl an. Die Barockkanzel, deren Deckel eine Volutenkrone mit trium-phierendem Christus ziert, wurde 1669 geschnitzt und nach dem Abbruch der St. Lorenz-Kirche 1899 hierher gebracht. Von den Gemälden verdient vor allem die >Auferweckung des Lazarus< von Jacopo Tintoretto Beachtung (1576). Von Bemt Notkes sensibler Gestaltungskraft gibt die Kopie seiner St. Jürgen-Gruppe aus der Nikolai-Kirche in Stockholm einen vorzüglichen Eindruck (um 1500). In einer detaillierten Ritzarbeit zeigt die Messingplatte vom Grabmal des Bürger-meisters Johann Lüneburg sein kostbares Brokat-Gewand (1461).

Ab 1351 wurden die Klostergebäude errichtet, später mehrfach erneuert, etwa nach dem Brand des Brauhauses 1499. Hinter den neugotischen Mauern des Katharineums (1891) vermitteln aber die erhaltenen Bauteile mit zwei Kreuzgängen eine gute Vorstellung des ursprünglichen Zustands. Den ehemaligen Schlafsaal der Mönche mit seinen schönen gotischen Gewölben statteten Hartwich Holtkamp und Joachim Wernke 1616-22 mit fein geschnitzten Regalen als Bibliothek aus. Johannes Bugenhagen hatte 1531 in seiner lutherischen Kirchenordnung angeregt, »alle böke gude unde böse« zu sammeln – mit den »bösen Büchern« waren theologische Traktate der katholischen Konkurrenz gemeint und damit den Anstoß zur Einrichtung einer städtischen Bibliothek gegeben. Die hat inzwischen zwar längst den Rahmen ihrer alten Keimzelle gesprengt, der Scharbausaal mit seinen historischen Globen hat aber seinen Reiz bewahrt und wird gelegentlich von der Stadt zu öffentlichen Veranstaltungen benutzt (Zugang über die Bibliothek, Hundestraße).

Leider ist das Backsteingiebelhaus Königstraße 30 aus dem frühen 14. Jh. durch den eingebauten Laden entstellt, spitzbogige Hochblenden gliedern die stattliche Front, die Diele mit ihrer doppelläufigen Treppe wurde 1797 erneuert. An der Ecke zur Dr.-Julius- Leber-Straße befindet sich die Löwen-Apotheke, einer der ältesten massiven Backsteinbauten der Stadt. Bereits um 1230 entstand der spätromanische Hintergiebel, Strombänder trennen die Geschosse mit Belüftungsluken in Form von Doppelarkaden unter Rundbogenblenden. Der gotische Vordergiebel wurde um 1460 gemauert und später zusammen mit dem seitlichen Treppengiebel des Erweiterungsbaus leicht erhöht. Mit einer Reihe von Zeitungsartikeln mobilisierte Erich Mühsam die Öffentlichkeit 1899 gegen den drohenden Abriss der Löwen-Apotheke und trug so mit dazu bei, dieses Baudenkmal zu retten. Nach dem Krieg wurde die frühere Johannisstraße umbenannt: Der SPD-Politiker Julius Leber war 1921-33 Chefredakteur des >Lübecker Volksboten< und engagierte sich im Widerstand des >Kreisauer Kreises< gegen die Nazi-Diktatur. Im Anschluss an einen Schauprozess wurde er in Berlin ermordet.

Die Witwe des Weinhändlers Johann Haase stiftete 1726 den Haa- senhof, geschweifte Zwillingsgiebel zieren das Traufenhaus zur Dr.- Julius-Leber-Straße (Nr. 37-39). Fachwerk-Dacherker beleben die Wirkung der geschlossenen Hofanlage, das Vorsteherzimmer des 1729 fertig gestellten Komplexes ist vollständig ausgemalt. Auf der anderen Seite liegt das ehemalige Gewerkschaftshaus (Nr. 48). Alfred Runge und Wilhelm Lenschow entwarfen 1930 die wuchtige Klinkerfassade mit kräftig profilierten Lisenen. – Die Johannisstraße führte zum Kloster gleichen Namens – bis 1256 jedenfalls. Zunächst war das 1177 gegründete Kloster gemeinsam mit Mönchen und Nonnen belegt. Doch 1246 setzten Lübecks Bürger aus Sorge um ihre Töchter beim zuständigen Bischof nach zehnjährigem Streit durch, dass der Benediktiner-Konvent wegen »zu freien Lebenswandels« nach Cismar verlegt wurde. Im frühen 19. Jh. wurden die Kirche und der größte Teil der Gebäude abgerissen, an ihrer Stelle entstand das Gymnasium Johanneum. Erhalten blieb lediglich der Westgiebel des romanischen Refektoriums.

Im späten 15. Jh. entstand der stattliche gotische Treppengiebel mit Windlöchern, dessen oberer Teil im 19. Jh. modernisiert wurde (Königstraße 43). Ganz dem heiteren Stil der Zeit verpflichtet präsentiert sich die Rokoko-Fassade Königstraße 81. Sie wurde 1773 errichtet, als man schon auf Speicherböden in Kaufmannshäusern verzichtete. Die Mittelachse ist durch aufwändigere Rahmen über dem Portal und der Fenstertür mit schmiedeeisernem Balkon im drei-eckig übergiebelten Pilasterrahmen hervorgehoben, während Gesimse und der Abschluss durch eine Balustrade die Horizontale betonen. Drachen und Vasen als Giebelschmuck zeugen von der Phantasie der Erbauer. – Eine originelle Variante, ältere Häuser im 18. Jh. dem Geschmack der Zeit anzupassen, lässt sich in der Wahmstraße beobachten: Mit den hohen Backsteinfassaden Nr. 29-37 hat sich eine beeindruckende Folge von Giebeln der späten Gotik und Renaissance erhalten (Nr. 29: um 1500, Nr. 33-37: um 1550). Lang gezogene Hochblenden heben die Vertikale hervor, Terrakottareliefs aus der Werkstatt des Statius van Düren zeigen Putten auf Seeungeheuern, Wappentiere oder das damals beliebte Motiv »Mensch zwischen Gesetz und Gnade<.

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