Zur Geschichte


Gleich dreifach wurde die Stadt gegründet. Eine erste Vorgängerin lag auf einer Landzunge an der Mündung der Schwartau (rund 5 km nordöstlich Lübecks) in die Trave: der slawische Burgwall Liubice oder Lubeke. Historiker sprechen ganz profan von Alt-Lübeck, während der Name sich auch als die >Liebliche< übersetzen ließe. Der Fürsten-, wahrscheinlich sogar Königssitz wurde 1138 zerstört. In dem Ringwall von rund 100 m Durchmesser ergrub man das Feldsteinfundament einer einschiffigen Burgkirche aus dem 11. Jh. Graf Adolf II. von Schauenburg, von Heinrich dem Löwen mit Wagrien belehnt, beschloss, die Hafensiedlung erneut zu gründen, und zwar an einem besser zu verteidigenden Platz. Das geschah 1143, wahrscheinlich im Bereich der heutigen St. Petri-Kirche auf einem Hügel zwischen den beiden Flüsschen Wakenitz und Trave, den Namen des untergegangenen Städtchens übernahm er; offenbar besaß der schon damals in Fernhandelskreisen einen guten Ruf. Nun ergab sich aber das Problem, dass der neue Hafen durch seine günstige Lage eine arge Konkurrenz für Bardowick und Lüneburg bildete, beides wichtige Handelsstützpunkte Heinrichs des Löwen. Der gründete also auf eigenem Territorium an der Wakenitz einen weiteren Hafen, die >Löwenstadt<, und verhängte über Lübeck ein Fernhandelsverbot. Als Lübeck 1157 abbrannte, fragten die Bürger, ob Heinrich künftig an diesem Veto festhalten wolle, konkret: ob sich ein Wiederaufbau überhaupt lohne. Der Herzog zwang seinen Vasallen, den Schauen- burger, ihm die Ruinen von Lübeck zu überlassen und gründete die Stadt 1159 zum dritten Mal, diesmal endgültig, und unterstützte sie fortan.

Diese Entwicklung lässt sich aus den historischen Quellen belegen. Ergebnisse archäologischer Ausgrabungen im Altstadtbereich haben das Bild jedoch beträchtlich erweitert. Danach gab es schon in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten germanische Siedler und die deutsche(n) Gründung(en) knüpften an eine slawische Tradition an. Denn Jahrhunderte schon existierte ein komplexes System von Burgwallsiedlung und Vorburg, Fernhandelsweg und Hafen. Ein Holzbohlenbrunnen im Bereich des Burgklosters, wo sich von 1143 bis 1226 die Burg des Landesherren über älteren slawischen Ringwallanlagen befand, erlaubte, diese Geschichte genau zu lokalisieren und nach dendrochronologischen Methoden an Hand der Jahresringe zeitlich zu bestimmen: Um 1155/56 eingeschlagene Eichenstämme sollten die Wasserversorgung gewährleisten. Uber den Resten des slawischen Hafens befand sich seit ungefähr 1184 ein erster traditioneller Ufermarkt deutscher Kaufleute an der Trave. Auf dem Seeweg angelandete Waren wurden von hier über den Fernhandelsweg etwa im Bereich der Breite Straße/Königstraße weitertransportiert. Zwischen der alten Stadtmauer und der Trave fanden Archäologen Reste und Ausrüstungsteile von Koggen, slawischen und skandinavischen Schiffen, Relikte von Holzbauten und Teile von Handelsgut, Waffen oder des täglichen Bedarfs. Bis zu 12 m tief reichen die Kulturschich-ten des Stadthügels, Häuser mit Werkstätten, Zimmermannskonstruktionen von Holzkellern oder turmartigen Kemenaten kamen wieder ans Licht, Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände, Schmuck und Spielzeug. Erst um 1217 verlegte man die lübische Stadtmauer näher an die Trave – und die Geschäfte wurden fortan in den Kaufmannshäusern abgewickelt, den heute noch bestehenden Mehrzweckbauten: Sie boten Raum für Kontor, Lager und Wohnung.

Lübeck entwickelte sich rasant: Wein, Salz und Tuche verschiffte man gen Osten, während von dort Pelze, Fisch, Erze und andere Rohstoffe bezogen wurden. Seit 1160 war Lübeck auch Bischofssitz, allerdings nur bis etwa 1300, als es der aufstrebenden Stadtrepublik gelang, diese erdrückende Herrschaft abzuschütteln, ähnlich wie ihren Hanse-Partnern Bremen oder Köln. Die Bischöfe residierten fortan in Eutin. Schon 1173 hatte Heinrich der Löwe den Grundstein für den Dom gelegt, der zu einem der imponierendsten Backsteingebäude des Nordens emporwachsen sollte. Doch als Lübecks Förderer 1180 in Ungnade fiel, hielt sich der Rat nicht lange mit Skrupeln auf, sondern öffnete Kaiser Friedrich I. Barbarossa seine Tore – und wurde dafür mit großzügigen Hoheitsrechten bedacht; das Barbarossa-Privileg 1188 gewährte Schifffahrts- und Fischereirechte, bestätigte den Landbesitz.

Kaiser Friedrich II. bekräftigte diese Rechte 1226 und verlieh der Stadtrepublik neben dem Privileg, Münzen zu prägen, sogar die Reichsfreiheit. Lübeck solle >auf ewig< unmittelbar kaiserlichem Schutz unterstehen; 711 Jahre, bis zum >Groß-Hamburg-Gesetz< 1937, hatte diese Bestimmung Gültigkeit. Eine Auszeichnung, die freilich mit einem ganz kleinen Schönheitsfehler behaftet war. Inzwischen hatte nämlich der dänische König Waldemar II. seine Herrschaft bis an die Elbe ausgedehnt. Und die auf geduldigem Papier verbriefte, fast einzigartige Rechtsstellung nutzte den Lübeckern also erst dann in politischen Streitfragen, wenn sie im Bund mit Norddeutschlands Fürsten die Dänen in deren Grenzen zurückverwiesen. Das geschah 1227 in der Schlacht bei Bornhöved. Schon 1225 hatte man die dänische Besatzung aus der von den Schauenburgern errichteten Burg vertrieben, beseitigte die landesherrliche Festung als sichtbares Zeichen der eigenen Unfreiheit und gründete auf deren Gelände das Burgkloster.